1 Mrd. für Notre Dame – bewundernswert oder Fassungslosigkeit?

Notre Dame hat gebrannt. Die Bilder waren erschreckend, das wäre vielleicht vergleichbar, wenn der Kölner Dom brennen würde. Sicherlich schlimm. Aber hat Notre Dame mehr Bedeutung als die vielen Nöte dieser Welt? Zu dieser Beurteilung könnte man zumindest kommen, wenn man die Spenden betrachtet.

Der Brand traf die Franzosen ins Herz und hat ihnen ein Wahrzeichen und einen identitätsstiftenden Faktor genommen. Zumindest fast. Die Struktur und die beiden charakteristischen Türme konnten ja erhalten

Francisco Anzola, Notre Dame, Flickr, nicht verändert, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

bleiben, so dass die Kirche wieder aufgebaut werden kann. In fünf Jahren wird sie dann wieder wie vorher aussehen, oder unsere liebe Dame wird sogar noch schöner werden, wie es Macron gesagt hat. Die katholische Kirche will sich finanziell nicht an dem Wiederaufbau beteiligen – muss sie auch gar nicht. Denn so schnell konnte man ja gar nicht gucken, da waren rund 1 Mrd. Euro gesammelt. 1 MRD. EURO!!!! Wie krass ist das denn bitte schön??? Ich finde es ja gut und toll, dass sich die Franzosen so an dem Wiederaufbau beteiligen. Wahnsinn, wie schnell da gehandelt und entschieden wurde. Das kann eine Nation noch mal näher zusammenrücken lassen – in Zeiten der Gelbwesten sicherlich nicht schlecht. Milliardäre lassen auf jeden Fall hunderte von Millionen springen, der kleine Mann und die kleine Frau geben, was sie können, teilweise auch mehr. Auch Deutsche sollen im Sinne der deutsch-französischen Freundschaft ihren Teil beitragen.

Das individuelle Wertigkeitsempfinden

Fast jeder wird sich hierzulande so seine Gedanken gemacht haben und zu irgendeinem Schluss gekommen sein, ob das Bereitstellen der Summe in der kurzen Zeit nun bewundernswert ist oder ob man nur noch kopfschüttelnd die Lösung der drängendsten Probleme dieser Welt in weite Ferne rücken sieht. Ich schüttel meinen Kopf. Im Mittelmeer ertrinken Menschen – jung wie alt. Im Jemen herrscht eine verheerende Hungersnot. Hunderte Millionen Menschen leben in extremer Armut. Die Klimakrise bedroht das Leben unser aller Kinder und Kindeskinder. Die Ozeane ersticken im Dreck, an dem zig Fische, Vögel und andere Lebewesen verenden. Tausende Nashörner werden getötet, weil Wilderer ihr Unwesen treiben können.  Undundund. Für all dies ist nicht genügend Geld vorhanden. Ich bin überzeugt, dass mit den entsprechenden Finanzmitteln wir in vielen Bereichen weitaus größere Schritte machen könnten, wenn die wirklich reichen Leute aber auch jeder einzelne es nur wollen würde. Tun wir aber scheinbar nicht. Und das hat was mit dem individuellen Wertigkeitsempfinden zu tun. Für was ist man bereit Geld auszugeben, was unterstütze man? Die einen finden dies wichtig, die anderen was anderes. Das ist auch vollkommen legitim und in Ordnung. Nur ist die Hilfe für Notre Dame kein Zeichen von gelebter solidarischer Humanität (wenn man bei der Not von Menschen bleibt). Vielmehr zeigt sie einmal mehr, dass das, was einem selber oder die eigene Nation betrifft, noch immer das Wichtigste ist. Alles andere ist für die meisten zu weit weg und da engagiert man sich halt nicht so. Tatsächlich macht mich die Hilfe für Notre Dame eher fassungslos und die Aussichten auf eine Lösung der für mich drängenden Probleme bleiben eher trübe…

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